Verlag Henselowsky Boschmann · Friedhelm Wessel · Als Oppa Mopped fuhr



Friedhelm Wessel
Als Oppa Mopped fuhr
Mit der Quickly zum Pütt,
mit dem Käfer über den Brenner.

80 Seiten, gebunden, mit vielen Fotos
9,90 €
ISBN 978-3-942094-46-7

Als die 50er Jahre eingeläutet wurden, war das Ruhrgebiet meist zu Fuß unterwegs. Glücklich, wer ein Fahrrad sein Eigen nennen konnte. Das änderte sich, als das Wirtschaftswunder begann.Oppa fuhr jetzt mit ’ner Quickly zum Pütt. Isettas und Messerschmitts sorgten für Verkehr auf den Straßen. Und wenn es keine Garage gab, dann wurde mal eben der häusliche Hühnerstall zweckentfremdet. Schon wenig später zwängte sich die gesamte Familie in den Käfer – es konnte auch ein Prinz oder ein Taunus sein – und bretterte mit Schmackes über den Brenner. Denn man konnte sich wieder etwas leisten: einen Urlaub in bella Italia. – Es war dieZeit, in der das Ruhrgebiet mobil wurde und über die es viele bewegende Geschichten zu erzählen gibt.
Friedhelm Wessel

Friedhelm Wessel
Jahrgang 1944, verbrachte seine Kindheit und Jugend zwischen der Jacobi-Siedlung in Oberhausen – wo Oma ihr klein Häuschen stand – und dem Dichterviertel in Herne – wo alle Straßen nach großen deutschen Dichtern benannt sind. Eigentlich sollte er Ingenieur werden, entschied sich aber schließlich 1970 für den Journalismus. 2007 ging er in den Ruhestand und befasst sich seitdem als Autor mit der Geschichte und Geschichten des Ruhrgebiets. Ab frühester Kindheit erkundete er das Revier, zunächst mit dem Roller, dann mit dem Rad; ab 1963 lockten ferne Länder, die er zwischen Nordkap und Sahara mit verschiedenen Autotypen und dem Motorrad unter die Reifen nahm. Heute lässt er es gemächlicher angehen: Er erfährt seine Heimat wieder mit dem Rad.

Weitere Bücher von Friedhelm Wessel:
Die letzte Sau der Kolonie
Geschichten zwischen Förderturm und Taubenschlag

Manchmal auch in Unterbuxe
Geschichten entlang des Rhein-Herne-Kanals

Lüdenscheid-Nord gegen Herne-West
oder: Wenn Königsblau auf Schwarzgelb trifft – Das Revierderby

Denn Sie tragen das Leder vor dem Arsch
Geschichten rund um den Bergbau im Ruhrgebiet



Inhalt

Vorwort: Also mein Oppa Mopped fuhr 4
Reisewellen 8
Vorsicht an der Bahnsteigkante! 10
Trockenes Buchenholz 12
»Zappi« und der Scheunenfund 15
Komm ein bisschen mit nach Italien 18
von Thomas Althoff
Onkel Fritz und das Raumwunder 24
von Anja C. Paterak
Tachographen und Parkographen 28
Helmpflicht und Alkoholgrenzen 30
Der Ecclestone des Reviers 32
Heinz Klaka und »Der Ring« 34
Die Knutschkugel 38
Kein Sorge, hab das gleich 41
von Karin Boehm
Reisepässe und Zeltplätze 46
Spaghetti-Knoten und Kadetten 48
Außerplanmäßige Linienführung 50
Alles Manta, oder wat? 52
Auf Verwandtenbesuch 58
von Joachim Elfenbach
Die Kreidler-Gang 66
Die Reise nach Eving 70
von Heinz Georg Schmenk
Große Liebe NSU 74
Die Geschichte hinter dem Foto vorne auf diesem Buch 76
Fotonachweise 77


Friedhelm Wessel

Trockenes Buchenholz

Anfang der 50er Jahre hatten Ernie Küppers und ihre 17 Klassenkameradinnen eine völlig verrückte Idee: Sie wollten zum Abschluss ihrer Schullaufbahn auf einem Essener Lyzeum einen richtigen Ausflug machen. Das Übliche sei ihnen zu diesem besonderen Anlass nicht gut genug, sagten sie ihrer Klassenlehrerin. Die war skeptisch: Eine Wanderung Richtung Kettwig – das ginge. Die Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Duisburger Zoo, der gerade wieder neu aufgebaut wurde – das ginge gerade noch, sei aber beim Zustand der öffentlichen Verkehrsmittel schon fast ein Abenteuer. Aber nach Hohenlimburg – das waren ja mehr als 50 Kilometer; das ginge überhaupt nicht! Busse gab es kaum, Benzin war äußerst knapp, und die Straßen waren oft kaputt. Und mit dem Zug dorthin: Das war lachhaft. Hohenlimburg war ausgeschlossen und unmöglich.
Doch die 18 jungen Damen ließen nicht locker, denn sie hatten einen guten Grund, gerade nach Hohenlimburg zu wollen. Eine von ihnen (deren Name wurde mir von Ernie Küppers leider nicht verraten, aber sie sagte, die Betreffende sei auf dem Foto hier auf der Seite gegenüber abgebildet) war nämlich in der Essener Innenstadt vor der zerbombten Kreuzeskirche von einem jungen Mann angesprochen worden. Der war von Hohenlimburg nach Essen gewandert, hatte zum Ende des Krieges wegen der vielen Bombenangriffe die Stadt verlassen müssen und lebte auf einem großen Bauernhof nicht weit vom Schloss Hohenlimburg und suchte seine Eltern. – Und wie süß der war! Die 18 Damen waren hin und weg, als die Betreffende ihnen von der Begegnung erzählte, und alle wünschten sich nichts sehnlicher, als den jungen Mann kennenzulernen.
Ach ja, die beiden Turteltauben hatten ihre Adressen ausgetauscht, schrieben sich beinahe täglich Briefe, und der junge Mann hatte, als er las, dass die Abschlussfahrt anstand, seinen Bauer gefragt; der war einverstanden, dass die 18 »Städtskes« aus Essen sich für ein paar Tage die frische Hohenlimburger Luft um die Nase wehen ließen. Platz zum Schlafen sei in der Scheune genug; und was Gutes zum Futtern gebe es auch – wenn sie es denn schafften, bis nach Hohenlimburg zu kommen.
Nach dem Gespräch mit der Klassenlehrerin waren die jungen Damen einen Tag lang ratlos, dann kam ihnen der Zufall zu Hilfe: Ein
Bekannter der Familie Küppers besaß einen kleinen Lastwagen, mit dem er Baustoffe oder anderes Material transportierte. Und Heinrich Kaspers, der Besitzer dieses stolzen Gefährts, erklärte sich, als er die traurigen Augen von Ernie Küppers sah, dazu bereit, die gesamte Klasse nach Hohenlimburg zu bringen und auch dort wieder abzuholen. »Aber die Mädels sollen trockenes Buchenholz mitbringen, sonst wird dat nix mit dem Ausflug.« Kaspers’ Kleinlaster war nämlich einer mit Holzvergaser. Nur mit einem Sonderführerschein durfte dieser Wagen betrieben werden. Dabei konnte etwa ein Liter Treibstoff durch drei Kilo trockenes Buchenholz ersetzt werden. Das Tankholz musste allerdings zuvor zerkleinert werden, damit es in den LKW-Vergaser passte. Doch das störte die Schülerinnen wenig. Hohenlimburg lockte.
Eine Woche gingen die Absolventinnen eines Essener Lyzeums auf die Suche nach trockenem Buchholz. Jedes Mal trafen sie zunächst fragende Blicke, aber wenn sie den Grund ihres Anliegens genauer erläuterten, wurde ihnen fast immer geholfen, mal mit einem dreibeinigen Stuhl, mal mit ein paar kaputten Treppenstufen oder mit einem uralten Frühstücksbrettchen. »Die Ruhrgebietler waren und sind die hilfsbereitesten Menschen auf der ganzen Welt. Diese Lektion habe ich damals gelernt«, grinst Ernie Küppers.
»Die Fahrt nach Hohenlimburg hat mehrere Stunden gedauert. Hoch auf dem grauen Lastwagen haben wir viel gelacht, gesungen und gehustet«, erinnert sie sich. »Wir saßen auf der offenen Ladefläche, rückten dort ganz eng zusammen und schlugen die Kragen unserer Mäntel hoch. Es war richtig abenteuerlich, aber wir waren froh, als wir in Hohenlimburg eintrafen. Drei Tage später ging es mit viel Gerumpel und etlichen Liedern zurück nach Essen. Und Herr Kaspers hat uns in der Nähe des Hauptbahnhofs, dort, wo er uns auch abgeholt hat, ausgeladen.«
Jahrzehnte später fuhr Ernie Küppers noch einmal nach Hohenlimburg. Diesmal wurde sie von ihrer Enkelin Vera kutschiert. Die Fahrt über Bochum, Witten und Hagen dauerte trotz hohen Verkehrsaufkommens knapp eine Stunde. Das Auto hatte einen abgasarmen Benzinmotor. »Das mit dem Buchenholz damals war aber romantischer, auch wenn es länger dauerte.«
Tja, und die beiden Turteltäubchen: Was ist aus ihnen geworden? Natürlich habe ich Ernie Küppers ganz am Schluss unseres Gespräches diese Frage gestellt. – Die grinste daraufhin, aber irgendwie anders, als sie es während unseres Gespräches getan hatte. Dann legte sie – so richtig verschwörerisch – einen Finger auf den Mund. Enkelin Vera war gerade dabei, unsere Kaffeetassen wieder zu füllen. Und ich nickte Ernie zu – so richtig verschwörerisch. Ich hatte verstanden.