Verlag Henselowsky Boschmann • ... der Boss spielt im Himmel weiter

Fußballgeschichten Ruhrgebiet Cover

... der Boss spielt im Himmel weiter

Fußball-Geschichten aus dem Ruhrgebiet
herausgegeben von Hermann Beckfeld und Werner Boschmann

256 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen,
14,90 €
3. Auflage
ISBN 3-922750-62-1

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Am 2. August 2014 starb Wolf Dieter Ahlenfelder. Der Bundesliga-Schiedsrichter aus Oberhausen ist mit einer, mit seiner Geschichte "Steh, auf, die Rasenheizung ist eh nicht an" im Buch "... der Boss spielt im Himmel weiter" vertreten. Hier ist sie:

Wolf-Dieter Ahlenfelder/Hermann Beckfeld
Steh auf, die Rasenheizung ist eh nicht an

Na klar, habe ich einen Traum. Ich möchte noch einmal ein großes Spiel pfeifen. Am besten ein Spiel an der Anfield Road in Liverpool. Ein Stadion ohne Zäune, die Hütte wäre voll, schon zwei Stunden vor dem Anpfiff kriegst du Gänsehaut, wenn du unten auf dem Platz stehst und die Fan-Gesänge hörst. Am liebsten wäre mir FC gegen Everton. Oder noch besser: gegen Manchester United. Ich bin sicher, ich hätte keine Probleme. Die Partie würde ich ganz in Ruhe nach Hause schaukeln.

Ich habe nie Polizeischutz gebraucht, bei mir hat es nie Krawalle gegeben. Das haben die Herren Funktionäre ganz früh erkannt. Ich war noch so ein smily Bubi, vielleicht 19, 20 Jahre alt und musste bei Concordia Lirich an der Tulpenstraße oder beim SC 20 Oberhausen piepen. Das sind ganz giftige Leute, haben sie mir gesagt. Wenn du da pfeifst, kriegst du einen auf die Nuss. Und was ist passiert: Nix, das Spiel hat der Ali ganz ruhig über die Bühne gebracht.

Das ging dann immer weiter so. Das Verbandsliga-Lokalderby FC gegen Olympia Bocholt habe ich vier-, fünfmal gepfiffen. Ohne gelbe und rote Karten geht auf dem Hünting gar nichts, musste ich mir vorher anhören. Von wegen. Ich habe nicht ein Mal den Karton gezogen.

Das war sowieso nicht mein Fall, wild mit dem Karton herumzuwedeln. Meine Kollegen nesteln doch heute bei jeder Gelegenheit an der Hosentasche. 13 Jahre habe ich in der Bundesliga gepfiffen, 106 Spiele, und bin mit vier roten Karten ausgekommen. Und wisst ihr was. Mir haben die armen Sünder hinterher noch Leid getan, die ich vom Platz gestellt habe.

Ein Spiel werde ich nicht vergessen. Ich sollte auf dem Betze pfeifen. 14 Tage vorher hatten da die Fans vom FCK und des Gegners richtig Randale gemacht und Flaschen aufs Spielfeld geworfen. Die Partie wurde abgebrochen. Vor dem Anpfiff kam der Einsatzleiter der Polizei in die Kabine und fragte: Herr Ahlenfelder, was sollen wir machen, wenn Flaschen aufs Spielfeld fliegen? Ganz einfach, habe ich gesagt. Ich werde meinen Linienrichter Anweisungen geben. Die leeren Flaschen schmeißen wir zurück, die vollen behalten wir natürlich. Ich habe übrigens die Begegnung in aller Ruhe über die Bühne gebracht.

Ich weiß noch, wie alles angefangen hat. Mit meinen X-Beinen und meinem Hohlkreuz konnte ich kein Beckenbauer werden, das stand schnell fest. Mehr als A II war nie drin, zumal ich immer ein paar Pfündchen zu viel auf den Rippen hatte. Meine Mutter Erna hat mich ja in Kärnten, in Wurmlach an der Drau, zur Welt gebracht. Unsere Bekannten haben deshalb immer gelästert, der Wonneproppen mit den Pausbäckchen hat aber einige Knödel zu viel verschluckt. Was soll’s. Dafür war ich ganz schön kernig und hatte immer gute Laune.

Ich habe zuerst gebolzt bei Arminia Lirich, im Loch an der Wunderstraße. Das Beste am Platz waren die Kleingärten drum herum. Ich war immer der erste, der über den Zaun geklettert ist, um den Ball zu holen. Du Pflaume, schieß die Kugel zurück, wir wollen weiterspielen, haben meine Kumpels gerufen. Ich hab mir aber Zeit gelassen und erst mal Erdbeeren genascht. Unser Vereinslokal war die Kneipe »Penne«, heute ist da Table Dance. So ändern sich die Zeiten.

Dann bin ich noch zu RWO gegangen, hat aber auch nichts gebracht. Mit 18 durfte ich dann mein erstes Spiel leiten. Union Sterkrade gegen Sterkrade-Nord III, auf einem Aschenplatz, Kreisliga C, tiefer geht’s nicht. Ich glaub, ich habe die 3 Mark Spesen noch in die Jugendkasse geworfen. Das habe ich auch später so beibehalten. Die Jugendabteilungen brauchen doch jeden Cent. In der Bundesliga habe ich anfangs 24, zum Schluss 72 Mark bekommen. Die Schiedsrichter heute kassieren 3000 Euro, dafür müssten manche eigentlich bessere Leistungen bringen.

Ach, Fehler habe ich natürlich auch gemacht. Die alte Geschichte in Bremen. Als ich da die erste Halbzeit nach 30 Minuten abpfiff, muss ich wohl statt meiner wertvollen Junghans eine einfache Uhr von Quelle getragen haben. Aber mein Mann an der Linie, Rüdiger Wuttke, und Eisenfuß Horst Höttges haben mich sofort auf meinen Fehler aufmerksam gemacht. Ali, es kann noch nicht Halbzeit sein, mein Trikot ist noch nicht nass, hat der Horst gesagt. Da habe ich einfach wieder angepfiffen. Schiedsrichterball und weiter. Was haben sich die Journalisten nach dem Spieltag die Finger wund geschrieben.

Natürlich habe ich abends vor den Spielen gern ein Bierchen und auch mal ein Schnäpschen getrunken, das gehörte doch einfach dazu. Aber auf dem Platz wusste ich immer, wo es langgeht. Und ich steh zu dem Satz, auch heute noch, den die Bild-Zeitung in großen Buchstaben gebracht hat: Männer trinken nun mal keine Fanta.

Langweilig war es jedenfalls nie. Wie hat die Süddeutsche einmal geschrieben, ich lese mal vor: »Ein Ahlenfelder stolziert einmal wie ein Hahn über den Rasen, mal gestikuliert er in der theatralischen Art eines Provinz-Buffos; wenig später dann hetzt er mit einer Geschwindigkeit, die im krassen Gegensatz zu seiner stattlichen Leibesfülle steht, über das Feld. Ein Ahlenfelder ist eben auch Alleinunterhalter.«

Nee, langweilig war es wirklich nicht. Der Breitner hat mal zu mir gesagt. Ali, du pfeifst wie ein Arsch. Da habe ich ihm unter vier Augen gesagt: Und du Paul spielst wie ein Arsch. Heute würden wir beide vom DFB gesperrt. Der Breitner für drei, ich für ein Spiel. Oder der Kalle Rummenigge. Der hat mal nach dem Schlusspfiff gesagt: Das war heute ein klasse Spiel. Schade nur Ali, dass du es nicht gesehen hast. Ich nehme dem Kalle das nicht übel, so wie mir die ganz Großen wie der Franz, der Wolfgang oder der Paul nie nachtragend waren.

Mensch Wolfgang, habe ich zum Overath gesagt, hast du das nötig, am Trikot zu ziehen? Du bist doch Nationalspieler. Andere hätten ihm sofort gelb gezeigt, weil der Schiedsrichterbeobachter auf der Tribüne sonst schlechte Noten aufschreibt. Aber am Trikot ziehen, tut doch nicht weh. Da siehst du doch höchstens ein bisschen vom Allerwertesten. Schlimm ist doch nur, wenn einer bewusst auf die Knochen geht.

Und eins muss ich sagen: Die Schauspieler gingen mir immer auf den Keks. Ich habe vergessen, wer es war, aber der wälzte sich auf dem Boden und wollte den sterbenden Schwan spielen. Da habe ich mich vor ihm aufgebaut und ihm gesagt: Steh auf, die Rasenheizung ist eh nicht an! Ihr hättet mal sehen sollen, wie schnell der wieder auf seinen Porreepiepen stand.

Kann also nicht alles falsch sein, was Ali, der Sprücheklopfer, so rausgehauen hat. Manchmal hätte ich schon meine große Klappe halten müssen, vielleicht wäre ich dann auch mal international oder gar bei einer WM dabei gewesen. Aber ich bin nun mal ein Junge aus dem Pott, und der lässt sich nicht verbiegen. Da hat dem Malka, dem Schiedsrichter-Obmann und senilen Menschen aus Herten, so mancher Spruch von mir nicht gefallen. Irgendwie verstehe ich das auch. Und trotzdem: Ich würde alles wieder so machen.

Ich glaube, ich bin ein typisches Einzelkind. Mein Vater Josef hat mir vorgelebt, wo es lang geht. Der war ein lieber und netter Mann. Anstreicher in der Oberhausener Glasfabrik. Gradlinig, sauber, ehrlich und vor allen Dingen fleißig war mein Vater. Nach der Schicht hat er fast jeden Tag Nebenarbeit gemacht und am Wochenende sowieso, damit er mein Schulgeld bezahlen konnte. Ich weiß nicht, wie häufig ich ihm Tapeten und die Leiter gebracht habe, mit dem Bock für den Tapeziertisch auf dem Fahrrad. Irgendwann abends ist er dann nach Hause gekommen, zu müde, um ein Bier zu trinken. Und morgens um fünf ging es schon wieder von vorne los.

Wenn ich in der Bundesliga gepfiffen habe, war das Wochenende hin. Meistens bin ich direkt nach der Arbeit als Bezirksleiter einer Mineralölgesellschaft am Freitag losgefahren. Samstag habe ich Bundesliga gepfiffen, sonntagmorgens stand ich schon wieder auf dem Aschenplatz, Jugendspiele pfeifen. Wenn dann noch einer mittags angerufen hat, Mensch, Ali, der Schiri ist nicht gekommen, habe ich mich nicht lange bitten lassen. Die Amateure haben ganz schön geguckt. Gestern noch in der Sportschau, heute schon bei uns in der Kreisliga.

Ich bin froh, dass meine Christel das alles mitgemacht hat. Vor ihr habe ich Hochachtung. 43 Jahre hat sie im AWo-Kindergarten in Buschhausen gearbeitet. Wenn andere sich den gelben Zettel geholt haben, hat sie sich noch krank zur Arbeit geschleppt. Sie ist in ihrem Job aufgegangen, für die Kinder hat sie alles getan, wir haben ja selbst keine. Wir haben uns beim Tanz in den Mai kennen gelernt. Das wissen wir genau. Nur wer wen damals aufgefordert hat, darüber streiten wir heute noch.

Sie hat immer zu mir gehalten, auch wenn die Presse noch die dümmsten Sachen über mich geschrieben hat. Deshalb gebe ich heute kaum noch Interviews. Die meisten schreiben doch sowieso, was sie wollen. Nach dem Bundesliga-Skandal haben sie reihenweise angerufen, um ein Zitat zu bekommen. Aber warum soll ich mich heute noch in die Brennnesseln setzen.

Nur bei einem, da kenne ich kein Pardon. Das war der Pfiff eines kleinen Mannes aus der Pfalz, der den Schalkern die deutsche Meisterschaft geklaut hat. Der hätte in Hamburg so lange spielen lassen, bis die Bayern den Ausgleich geschafft hätten. Die angezeigte Nachspielzeit war schon zwei Minuten abgelaufen, das war sein Fehler. Der wollte doch nur seinen großen Auftritt. Ich möchte nicht wissen, wie viele Rostbratwürstchen der Uli Hoeness für den Pfiff rübergeschickt hat. Nicht dass wir uns falsch verstehen. Der Merk, den ich schon als Kind kannte, ist eigentlich ein sehr guter Schiedsrichter, aber das kann ich bis heute als Unparteiischer nicht nachvollziehen.

Natürlich musst du als Schiedsrichter nach dem Regelwerk pfeifen. Aber dazwischen hast du doch Spielräume. Wichtig ist doch das Fingerspitzengefühl und dass du das Spiel sauber über die Bühne kriegst. Da hat mich auch nicht gestört, dass mich die Spieler geduzt haben. Mensch, wir sind doch auf dem Sportplatz. Und sollte ich sagen: Herr Beckenbauer, das war kein Abseits. Die Jungs haben wohl gemerkt, dass ich einer von ihnen bin. Irgendetwas Wahres ist schon dran an Ahlenfelder, dem autoritären Kumpel, wie ein Reporter mal geschrieben hat.

Vielleicht haben mich 1987 deshalb die Bundesliga-Profis mit überwältigender Mehrheit zum besten Schiedsrichter gewählt. – Zugegeben. Mich haben sie auch mal zum zweitschlechtesten Schiri gewählt. Da kann ich auch mit leben, an einem wie mir scheiden sich eben die Geister. Dass sie mich den kleinen Dicken aus dem Kohlenpott genannt haben, dass sie mich immer wieder gefragt haben, wie viel Häuser ich mit der Bundesliga-Kohle gebaut habe, ist doch Schnee von gestern. Was so neidische Sesselfurzer denken, hat mich noch nie interessiert.

Heute gucke ich mir Fußball nur noch im Fernsehen an. Oft werde ich zwar noch in die Stadien eingeladen, aber ich habe keinen Bock auf die alten Sprüche. Da sitze ich lieber in meiner Eigentumswohnung in Oberhausen-Holten, gönne mir Premiere, man gönnt sich ja sonst nichts, und meine Christel sitzt neben mir und hat immer noch keine Ahnung vom Fußball.

Genug gequatscht. Ich gehe jetzt einkaufen und sauge einmal durch. Als Frührentner musst du den Tag ja kaputt kriegen. Heute Abend schaue ich dann Champions League.

Ja, wirklich, das wäre noch was. Ali läuft an der Anfield Road auf. Liverpool, egal gegen wen. Das ist Fußball, wie ich ihn liebe. Ehrlich, hart, fair. So wie bei uns im Kohlenpott. Deshalb gehöre ich hier auch hin, und nirgendwo anders.

Nee, ich würde alles wieder so machen.

Fußball im Ruhrgebiet. Tore und Träume - in Schwarz-Gelb, Königsblau, Rot-Weiß oder Schwarz-Weiß. Doppelpässe mit der Kicker-Seele. Von Idolen unserer Kindheit und Helden aus der Kreisklasse. 30 Autoren sind sich sicher: Das Herz des Fußballs schlägt im Ruhrgebiet. Hier unten und dort oben. Denn: ... der Boss spielt im Himmel weiter.

Ein Ball fliegt durch das Ruhrgebiet. Landet in den Stadien der Schwarz-Gelben und Königsblauen, auf den Aschenplätzen der Kreisliga-Kicker, auf den Bolzplätzen unserer Jugend. Der Ball wird gespielt ... von  Aki Schmidt, dem ehrgeizigen Jungen aus Berghofen. Von Willi Landgraf, dem Dauerrenner aus der Zweiten Liga. Aber auch von Winnie, dem mittelmäßigen Alte-Herren-Spieler, der irgendwann beschließt, im Strafraum zu zelten, "weil ich dat Gefühl habe, ein Fußballplatz is in unserem Land der letzte Ort, wo nich heute Hü und morgen Hott gesagt wird".
34 Geschichten erzählen vom Fußball im Revier. Von echten Typen. Von Fußballbräuten, die wissen, worauf es ankommt: "Jungs, macht sie fertig!" Die erste Geschichte darf nur einer erzählen. Der beste Fußballer, der jemals auf den Hinterhöfen zwischen Duisburg und Dortmund gebolzt hat: Helmut Rahn, unser Weltmeister, schreibt über seine ersten Fußballschuhe, seine ersten Tore. Und kurz vor dem Abpfiff, nehmen wir Abschied. Nicht in der Kirche, sondern in seiner Stammkneipe. "Auf dein Wohl, Helmut!"

Inhalt
Helmut Rahn - In den guten Schuhen wird nicht Fußball gespielt
• Rolf Nöckel - Mit Williiiiiiiie auf Schalke
• Hermann Beckfeld - Aki, der Junge aus Berghofen
• Ralf Wilhelm - Geliebte aus Beton
• Dietrich Grönemeyer - Gib mich die Kirsche
• Harald Landefeld - Der Sport-Beobachter! Der Sport-Beobachter!
• Manfred Grandt - Von Kloppern und Stoppern
• Reinhard Knust - Auf Schalke fing die Liebe an
• Tom Tonk - Ein Sommer voller Supermänner
• Sascha Fligge - Hansch im Glück
• Thomas Althoff - Komm, wir gucken Günter Brocker
• Ludger Stratmann  - Jupp sein Gestrecktes
• Daniel Twardowski - Auf die Plätze
• Uwe Seeler - Schüttelfrost in der Kabine
• Ralf Wilhelm  - Letztes Inferno VfB
• Berndt Keller - Und wenn die Welt sich mal nicht mehr dreht ...
• Günter Bauer - Alles Asche
• Sabine Zupancic - Mit dem Herzen eines Löwen
• Ralf Strey - Die große Liebe
• Wolf-Dieter Ahlenfelder/H. Beckfeld - Steh auf, die Rasenheizung ist eh nicht an
• Dieter Ernst - Die Goldgrube am Pferdemarkt
• Sascha Fligge - Der Held von Berlin
• Jost Benfer - Wie gewonnen, so zerronnen
• Frank Goosen - Strike, Bossa Nova, strike!
• Eberhard Scholz - Der Klub. Der Pütt. Die Stadt
• Karl-Heinz Knepper - Ich, du, er, sie, es ... alles Timos
• Marc Geschonke - Ente mit Schlapphut
• Markus Geling - Die wahren Spiele des Jahrhunderts
• Helmut Spiegel - Torszene mit Folgen
• Günter Preuß - Die Jungs aus Meiderich
• Ben Redelings - Die Gruppe der Anonymen VfL-Fans
• Sigi Domke - Fußball im Mondpalast
• Hermann Beckfeld - ... der Boss spielt im Himmel weiter
• Dirk Hallenberger - Revier-Fußball in der Literatur