Bücher vonne Ruhr · Verlag Henselowsky Boschmann · Inge Tonk · Ist auch der Lack schon runter - Die Rheinperlen
Kumpels in Kutten



Emschersagen Inge Tonk
Ist auch der Lack schon runter
Die Rheinperlen

Ein frecher Roman aus dem Ruhrgebiet
256 Seiten, 14,90 €
ISBN 978-3-942094-00-9

Kinder aus dem Haus, Rentner-Dasein, Trübsal blasen - alles Quatsch! Zumindest wenn es nach den Rheinperlen geht, gestandenen Omas aus dem Ruhrgebiet, die als frivole Gesangstruppe auftreten und nicht nur die Männerwelt in Wallung bringen. Wie das alles funktioniert, erzählt dieser freche Roman aus dem Ruhrgebiet. - “Ist auch der Lack schon runter und knackt es arg im Knie, wir bleiben trotzdem munter, denn jammern tun wir nie.”
Ich denke noch oft an diesen trostlos wolkenverhangnen Septembermorgen, als Danni, unser Nesthäkchen, auszog. Thomas und Peter, ihre beiden älteren Brüder, hatten sich bereits vor längerer Zeit abgenabelt und eigene Wohnungen bezogen. Und nun machte sich auch unsere Jüngste auf, um zu studieren. Beklommen war mir ums Herz, und ich versuchte die aufkommende Wehmütigkeit mit mütterlichen Ratschlägen zu überspielen. Eigentlich verstand ich mich selbst nicht mehr. Wie sehr hatte ich mich in den turbulenten, arbeitsreichen Zeiten der Kindererziehung nach stillen Momenten des Ausruhens gesehnt. Nun war dieser Moment endlich da. - Was ich allerdings an diesem Morgen nicht ahnen konnte: dass meine aufregendsten und wildesten Jahre noch vor mir liegen sollten ...
Emschersagen Inge Tonk wurde 1944 in eine Bergmannsfamilie hineingeboren und verbrachte eine glückliche Kindheit in Gelsenkirchen-Erle. Sie wurde zur Kinderpflegerin ausgebildet, heiratete 1963 und zog zwei Jahre später mit Mann und Söhnchen nach Duisburg, wo noch ein weiterer Sohn und eine Tochter zur Welt kamen. 1994 gründete sie die Rheinperlen, die bis heute zum Originellsten gehören, was das Ruhrgebiet aufzuweisen hat.


Die Rheinperlen: Ist auch der Lack schon runter

Während die Wirtin die bestellte Runde Pils verteilte, öffnete Annemarie einen großen Karton. »Das ist unser Requisiten-Fundus.« Sie reichte mir eine weiße Leinenhose mit großer Klappe am Hintern. »Das Höschen ist eine nostalgische Erinnerung an Großmutters Zeiten.«
Das gute Stück ging mir bis zum Knie und endete mit einer großen Spitzenborte. Doch so sehr ich mich auch bemühte, in das antike Requisit passte ich nur mit Luftanhalten rein.
»Zieh deinen Bauch ein und versetz die Knöpfe, dann wird es gehen«, riet mir Anita.
Nun stellten wir sechs Frauen uns in eine Reihe und sangen:
Wir haben heute Wandertag,
ein jeder trägt ’ne Hos,
Guckt uns nur einmal richtig an,
bei uns, da ist was los.
Fallerie, fallera.
Dann stolzierte Leni mit Seppelhose und Gamsbarthut auf und ab und sang:
’ne Hos gibt’s Marke Germany,
die ist ganz wartungslos.
Selbst Bügelfalten braucht die nie,
das ist die Wanderhos’.
Falleri, fallera.
Der Franz Josef Strauß musste so ausgesehen haben, wenn er auf Pirsch war, ging mir durch den Kopf, und ich merkte, wie ich richtig Spaß an dem simplen Lied bekam.
Als Annemarie ihre Trainingshose mit Gummizug vorführte, kriegte das Gummi zu viel Spannung und riss, und die Bux rutschte ihr im Zeitlupentempo aufs Knie. Was für ein Spaß! Wir ließen uns kreischend auf die Stühle fallen. Mittlerweile hatten wir die zweite Runde Pils ausgetrunken und Annemarie hatte die dritte bestellt. Christa besang übermütig die Vorzüge der langen grauen Flanellunterhose. Gisela quetschte sich in einen rot geringelten Badeanzug aus den zwanziger Jahren und latschte mit Schwimmflossen vor uns her.
»Ich finde, das Stück braucht eine Pointe«, sagte ich. »Wie wäre es, wenn ich eine Strophe für einen Schottenrock schreibe – etwa so:
Was trägt er bloß, was trägt er bloß,
der Schotte unterm Rock?
Da guckt ihr besser gar nicht hin,
sonst kriegt ihr einen Schock.
Falleri, fallera.
»Die Idee ist toll, bloß – wie findest du hier in Duisburg einen Schotten«, gab Leni zu bedenken. »Türken kannste jede Menge haben, aber keinen einzigen Schotten!«
»Dann wird sich einer von unseren Männern verkleiden müssen«, schlug Christa vor.
»Komm, Inge, sing du mal deinen Text, und dann sehen wir weiter!«
Auch unsere Omas trugen sie,
die Hose mit dem Schlitz.
Die Jugend heute lacht vielleicht
und denkt, das wär ein Witz.
Falleri, fallera.
Ich pries mein rundes Hinterteil so überzeugend an, als gelte es, die erotische Verführung eines dicken Kürbisses zu beweisen.
»Du bist ja ein richtiges Naturtalent«, staunte Leni.
»Ja, ja«, lachte ich, »das Talent der Erler Eierkohlen steckt halt drin.«
»Wieso eine Erler Eierkohle? Das musst du mir erklären!«
»Na, ich habe mit zehn Jahren in einer Volkstanzgruppe mitgemacht. Weil der Mann unserer Trainerin Kohlenhändler war und uns oft auf seinem Bandoneon begleitet hat, hießen wir schlicht ›Die Erler Eierkohlen‹. Stellt euch vor, ich hatte sogar einen öffentlichen Auftritt auf dem Sommerfest am Berger See! Da durfte ich mit Gänseblümchen im Haar Elfe sein und mit den anderen Kindern einen Reigen tanzen.«
»Und wer hat deine große Weltkarriere gestoppt«, wollte Anita wissen.
»Sie wurde ganz abrupt beendet, als meiner Familie bekannt wurde, dass bei diesem Kohlenhändler nicht nur die Fingernägel schwarz waren. Er hat nämlich für die CDU im Ortsverein kandidiert. Da war bei meiner Mutter Schluss mit lustig. Für die CDU gehst du nicht mehr tanzen! Wir sind Sozialdemokraten, und damit basta! Ja, so verrückt waren damals bei uns die Zeiten.«
Aus der Wirtsstube hörte man lautes Gepolter. Dort wurden wohl die Stühle hochgestellt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Zapfenstreich. Die Türe ging auf, und die Wirtin kam mit einem Tablett kleiner Pinnchen herein. »Das sind die Schlafkörnchen für die gackernden Hühner, denn der Hühnerstall wird für heute zugemacht.«
Ein paar Minuten später gingen wir die Eisenstiege nach unten. Draußen war es bereits stockdunkel. Auf dem Rhein hatten die Schiffe rechts und links ihre Beleuchtung an. Die Industriekulisse auf der linken Rheinseite wurde von den Hüttenwerken taghell angestrahlt.
Wir hakten uns alle unter und sangen dann Anitas Hosenstrophe:
Fühlt sich dein Mann mal abgeschlafft
und will nur seine Ruh,
dann weck doch seine Leidenschaft
und zeig ihm dein Dessous.
Falleri, fallera.
Eine tiefe Männerstimme ließ uns zusammenzucken. »Ruhe da unten! Habt ihr kein Bett zu Hause?« Aus dem Fenster im zweiten Stock eines Mietshauses drohte ein zorniger Opa im Schlafanzug. Sein langer grauer Bart hing bis über den Fenstersims herunter.
»Wenn Petrus grollt, nimm Rachengold!«, sagte ich laut.
Der Opa schlug das Fenster zu, und wir gingen kichernd weiter.
So nach und nach bog jede von uns in eine andere Straße ab. Bevor ich mich von Christa verabschiedete, blieben wir einen Moment stehen. Was war das doch für ein toller Abschluss gewesen nach der lästigen Chorsingerei, da waren wir uns beide einig.
»Ich würde ja viel lieber nur verrücktes Zeug singen«, sagte ich.
»Ich auch«, schwärmte Christa.
»Kann mich ja mal umhören, ob es in Duisburg so eine Art Laiensketchgruppe gibt«, schlug ich vor.
»Da mache ich sofort mit«, versprach Christa, bevor sie um die Ecke verschwand.