Verlag Henselowsky Boschmann · Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet · Friedhelm Wessel · Manchmal auch in Unterbuxe · Geschichten entlang des Rhein-Herne-Kanals
Bücher vonne Ruhr

Friedhelm Wessel
Manchmal auch in Unterbuxe
Geschichten entlang des Rhein-Herne-Kanals

80 Seiten, gebunden, viele Fotos
9,90 €
ISBN 978-3-942094-29-0

Er ist jetzt 100 Jahre alt geworden. Die Geschichten, die entlang seiner Ufer erzählt werden, sind genau wie wir: ein klein wenig romantisch, manchmal etwas schräg, ab und zu frech, meist ehrlich und auf jeden Fall einzigartig. Nacktbaden im Kanal? – Nee, is nich! – Aber in Unterbuxe? – Jau, dat geht! Für danach gibt’s natürlich Frikos mit Kartoffelsalat, garniert mit einem netten Pläuschken. Und so nebenbei kann man noch Köpper vonne Brücke bewundern und Schiffkes kucken.

Unser Kanal. Jeder kennt ihn, jeder liebt ihn, jeder kann seine Kanal-Geschichten erzählen: von den mutigen bis übermütigen Brückenspringern, von Kartoffelsalat mit Frikos, die am Kanalufer besonders gut schmecken, vom „Entern“ der Schlepper und Lastkähne und den wütenden Schiffskapitänen, die einen wieder vom Deck in die Fluten befördern. Friedhelm Wessel erzählt nicht nur seine Kanal-Geschichten, er lässt es auch andere tun: so die Frau, die die „Ms Lumina“ durch die Kanalschleusen schippert, Paul Reding, der ein Leben lang von Kanälen umgeben ist, und Karin Boehm, die am Kanalufer plötzlich ihren Mann fürs Leben entdeckt. Nachdem ich Friedhelm Wessels Buch gelesen hatte, nachdem ich mir dreimal die tollen Fotos angeschaut hatte, wurde mir klar: Wir wissen dieses Gewässer, das unserem Ruhrgebiet vor knapp 100 Jahren in den Schoß gefallen ist, oft viel zu wenig zu schätzen. Der Rhein-Herne-Kanal ist – auch in der Weise, wie er uns und unsere gesamte Region prägt – einzigartig; etwas, das wir herumreichen können wie ein wertvolles Ausstellungsstück. Übrigens: Der Mann in Unterbuxe auf dem Umschlag ähnelt frappant meinem Onkel Josef, und das Foto auf Seite 8/9 könnte, wenn es ein Gemälde wäre, betitelt sein: „Glückliche Ruhrgebietsfamilie um 1930 bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: dem Angeln in Rhein-Herne-Kanal“.

Friedhelm Wessel


Inhalt
Manchmal auch in Unterbuxe
Geschichte der längsten Badewanne des Reviers
König der Freibeuter
Fährunglück auf dem Kanal
Erwin und Erika
Weltrekord im Kanal
Entscheidung auf der »Viktor 2«
Schleusenfahrt – von Norbert Hüls
Wie Fische im Wasser. Von Kanälen ein Leben lang umgeben – von Paul Reding
Im »Strupp«
Im Kanal versenkt
Immer am Kanal entlang
Butterfässer und Schmalzdosen – von Manfred Hoese
Baden in grauer Unterbuxe – von Lothar Lange
Harte Jungs am Kanal – von Wolfgang Schubert
Unterwegs mit Lola
Von einem heißen Bikini am Kanal – von Karin Boehm
Auf der »MS Lumina«
Über 110 Brücken kann man geh’n

Friedhelm Wessel Friedhelm Wessel

Jahrgang 1944, verbrachte seine Kindheit und Jugend zwischen der Jacobi-Siedlung in Oberhausen – in der Oma ihr klein Häuschen und Opas geliebter Karnickelstall standen – und dem Dichterviertel in Herne – in dem alle Straßen nach deutschen Dichtergrößen benannt sind. Eigentlich sollte er Ingenieur werden, entschied sich aber schließlich für den Journalismus. 2007 ging er in den Ruhestand und erkundet seitdem als Autor die Geschichte und Geschichten des Ruhrgebiets.

Weitere Bücher von Friedhelm Wessel:
Die letzte Sau der Kolonie
Geschichten zwischen Förderturm und Taubenschlag

Wenn Oppa Mopped fährt
Mit der Quickly zum Pütt, mit dem Käfer über den Brennen

Lüdenscheid-Nord gegen Herne-West
oder: Wenn Königsblau auf Schwarzgelb trifft – Das Revierderby

Denn Sie tragen das Leder vor dem Arsch
Geschichten rund um den Bergbau im Ruhrgebiet


Geschichte der längsten Badewanne des Reviers

Mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals wurde 1906 begonnen. Grundlage war das »Preußische Wasserstraßengesetz« aus dem Jahre 1905 mit dem Beschluss, einen Kanal »vom Rhein bis zum Dortmund-Ems-Kanal bei Herne« zu bauen. Erste Pläne hierfür hatte es bereits seit 1863 gegeben. Hintergrund war, dass durch solch eine Wasserstraße neue Absatzmärkte für die Ruhrkohle erschlossen werden könnten. Diverse Kriege und Kanalgegner aus den saarländischen und oberschlesischen Kohlerevieren verhinderten aber lange Zeit eine Verwirklichung.
1906 wurde die »Königliche Kanalbaudirektion Essen« gegründet, die den Bau leiten sollte. Am 10. Juli 1914 erfolgte die erste Probefahrt mit den Schleppern »Helene«, »Sleipener«, »Thalia« und »Vesalia« von Duis-burg nach Herne. Vier Tage später erreichte ein Motorsegler den neuen Stadthafen Gelsenkirchen. Als der Kanal am 1. August 1914 offiziell eröffnet wurde, gingen hier etliche Häfen in Betrieb, weitere befanden sich in Planung oder im Bau. Um 1960 gab es noch 32 Häfen und Verlade-Anlagen, wobei die wenigsten ein eigenes Hafenbecken besaßen, wie etwa die Stadthäfen Essen, Gelsenkirchen und Wanne-Eickel. Meist waren es nur Verbreiterungen der Wasserstraße. Über die Hälfte der Häfen diente der Kohleverladung, denn im Einzugsbereich des Rhein-Herne-Kanals gab es damals 67 Zechen, von denen rund 40 einen direkten Zugang zu der Wasserstraße hatten. Der wichtigste Kohlehafen befand sich in Wanne-Eickel.
Der Rhein-Herne-Kanal hatte bei Inbetriebnahme im Jahre 1914 eine Länge von 38 Kilometern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Kanalstück, das den Zechenhafen »Friedrich der Große« in Herne mit dem Dortmund-Ems-Kanal in Henrichenburg verband, der Wasserstraße zugeordnet. Seitdem ist der Rhein-Herne-Kanal rund 45 Kilometer lang.
Die Brücken über den Kanal waren zunächst für eine Durchfahrtshöhe von vier Metern vorgesehen. Sie waren aber so konstruiert, dass sie bis zu einer Höhe von sechs Metern aufgestockt werden konnten. Was in den vergangenen hundert Jahren auch mehrmals geschah. Schon während der Bauzeit senkten sich zwei Bereiche in Essen und Gelsenkirchen um 75 Zentimeter ab. Grund war der intensive untertägige Bergbau in diesen Gebieten.
Um die Leistungsfähigkeit des Kanals zu erhöhen, begann 1968 dessen Ausbau. Die Schleusenanlage Essen-Dellwig (III) verschwand 1981, die in Herne-West (IV) 1991. In die übrigen fünf Schleusenstufen baute man zwischen 1976 und 1994 neue Kammern ein. Diese sind 190 Meter lang und 12 Meter breit.
Der Rhein-Herne-Kanal hat in den letzten hundert Jahren sein Gesicht sehr verändert. Es werden zwar weiterhin die klassischen Frachten wie Futtermittel, Baustoffe, Getreide, Mineralölprodukte und Kohle befördert. Aber die beliebte Wasserstraße wird zunehmend auch von Jachten befahren, und Sportbootkapitäne können in der Nähe der Schleusen Herne-Ost und Oberhausen sogar auf Gastplätzen übernachten. Verwaltet wird der Rhein-Herne-Kanal seit dem 1. November 1949 vom Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg-Meiderich.
Der »Kanal im Tal der Emscher« ist aber nicht nur Schifffahrtsweg, sondern auch Naherholungsgebiet. Viele Menschen verbrachten und verbringen an seinen Ufern ihre Freizeit. In den 1950er Jahren erhielt unser schönes Stück Revier liebliche Kosenamen wie »Kumpelriviera«, »Frikadellenriviera«, »Längste Badewanne des Reviers« oder »Canale Grande«.