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Dirk Hallenberger (Hg.) Prominente Porträts





Dirk Hallenberger Prominente Porträts
Dirk Hallenberger (Hg.)
Prominente Porträts
Das Ruhrgebiet in autobiografischen Texten
Bd. 1
160 Seiten, gebunden, 9,90 €
ISBN 978-3-942094-32-0

Prominente Porträts bündeln in dieser Form erstmals Äußerungen von berühmten Persönlichkeiten, die sich alle auf das Ruhrgebiet beziehen. In Briefen, Erinnerungen oder autobiografischen Texten schreiben sie individuell von ihren Erfahrungen und Erlebnissen, die sie in Geschichte und Gegenwart zwischen Rhein und Ruhr gemacht haben: Kindheit und Jugend, Maloche und Muße, über Tage oder unter Tage, vor der Klasse oder hinter dem Mikrofon, Paradies oder Hölle, legal oder illegal, einheimisch oder zugereist. Sie alle, ob Schriftsteller oder Politiker, Künstler oder Medienleute, Schauspieler oder Wirtschaftsführer, vereinigen sich in vielen verschiedenen Versuchen, um 100 Jahre Leben und Arbeit vor Ort zu erfassen und für uns zu dokumentieren. Die Fortsetzung folgt.
Dirk Hallenberger Prominente Porträts
Dirk Hallenberger, *1955 Velbert
Dr. phil., Germanist (Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets 2000), Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen)


Ebenfalls von Dirk Hallenberger:

"Heimspiele und Stippvisiten"
Reportagen über das Ruhrgebiet

"Wandel vor Ort"
Das Ruhrgebiet in ausgewählten Erzählungen
Inhalt "Prominente Porträts"

Dirk Hallenberger – Vorwort

Wilhelm Schäfer – Rechenschaft

Gertrud Bäumer – Im Beruf

Maurice Ravel – Brief an Maurice Delage

August Winnig – Das Buch Wanderschaft

Claire Waldoff – Weeste noch …!

Hans Marchwitza – Ruhr

Conrad Felixmüller – Brief an Heinrich Kirchhoff

Fritz Selbmann – Alternative – Bilanz – Credo

Kurt Weill – Brief an Lotte Lenya

Walter Dirks – Jugend im Kohlenpott

Heinz Rühmann – Flug in die Vergangenheit

Tisa von der Schulenburg – Journalistin

Klaus Mehnert – Kumpel

Dietrich W. von Menges – Begegnungen an der Ruhr

Eduard Claudius – Das Vergangene

Ernst Meister – Ein Hagener aus Haspe

Erich Honecker – Illegal im Ruhrgebiet

Peter von Zahn – Im Ruhrgebiet

Will Quadflieg – Familie, Kindheit, Jugend

Autoren, Titel und Quellen
Vorwort

Von Prominenz hält man im Ruhrgebiet nicht allzu viel. Namen sind hier – und das passt zum originären Bild des Reviers – deutlicher als anderswo Schall und Rauch. So kann es leicht zu Überraschungen kommen, wenn man prominente Personen mit dem Ruhrgebiet verkoppelt, von denen man niemals vermutete, dass deren Wurzeln oder biografische Bezüge an der Ruhr zu suchen sind. Die Unkenntnis dieser Vorgänge beruht häufig darauf, dass sich die Prominenten ihren Namen in der Regel außerhalb des Sektors gemacht haben. Das gilt zwar in Ansätzen noch für heute, war jedoch vor allem bis in die 1960/70er Jahre charakteristisch. Denn das Revier war einerseits über die Jahrzehnte proletarisches Einwandererland, andererseits aber auch akademisches und künstlerisches Auswandererland.
Diesem Umstand und den dahinterstehenden Namen nachzugehen, verspricht daher eine spannende Angelegenheit zu werden. Welche literarischen Spuren haben die Prominenten hinterlassen, was haben sie in ihren Zeugnissen über und Erinnerungen an das Ruhrgebiet festgehalten? So unterschiedlich die einzelnen Autoren nach Provenienz und Profession sind, so vielfältig sind ihre Aussagen über die Region an Rhein und Ruhr: Aus den einzelnen Mosaiksteinen ergibt sich in der Summe ein faszinierendes Porträt der Zeit zwischen 1880 und 1960.
Zu Wort kommen einerseits diejenigen Persönlichkeiten, die im Ruhrgebiet aufgewachsen sind und für die das Revier Heimat bedeutete. Jugend im Kohlenpott lautet der geeignete Titel dieser Abteilung, und zu ihr bekennen sich nicht nur Walter Dirks, sondern auch Claire Waldoff, Heinz Rühmann oder Will Quadflieg. Zum anderen hat es in der Geschichte immer wieder Personen an die Ruhr verschlagen, die aus Neugier oder aus Arbeitsgründen für einen bestimmten Zeitraum dort Station machten. Wilhelm Schäfer, Maurice Ravel und Kurt Weill blieben nur ganz kurz, Gertrud Bäumer, August Winnig oder Conrad Felixmüller etwas länger, und von Erich Honecker durfte man gar nicht wissen, dass er Illegal im Ruhrgebiet war. Bis auf den Hagener Lyriker Ernst Meister aber verbrachte von der hier versammelten Prominenz niemand sein gesamtes Leben im Ruhrgebiet; lediglich Tisa von der Schulenburg und Dietrich Wilhelm von Menges, die beide von adeligen Gütern stammten, arbeiteten für einen längeren Zeitraum an Ruhr und Lippe und sind als Einzige der Genannten hier verstorben.
Die prominenten Schreiber fächern sich in sechs verschiedene Berufsgruppen auf, wobei die Berufsschriftsteller, Politiker, Künstler, Journalisten und Schauspieler etwa gleich stark vertreten sind (darunter drei Frauen); für die Industriellen konnte überraschenderweise nur ein einziger Chronist reklamiert werden. Dennoch ist die Industrie wie erwartet als Thema sehr präsent, vor allem naturgemäß durch den Bergbau, der sich wie ein schwarzer Faden durch fast alle Beiträge zieht. Entweder wächst man als Bergbau-Angehöriger oder zumindest im Schatten der Zeche auf, oder man arbeitet selbst als Bergmann (Marchwitza, Selbmann), aus ideologischen Gründen auch freiwillig (Klaus Mehnert), oder im direkten Zechenumfeld (Bäumer, Winnig), oder man erkundet den Bergbau aus künstlerischen Motiven (Felixmüller, Weill, von der Schulenburg) und macht über ihn eine Groß-Reportage (Peter von Zahn).
Dabei können an den einzelnen Handlungsorten interessante Zusammenhänge entstehen, in welche die Protagonisten zufällig hineingeraten. Wilhelm Schäfer besichtigt als jugendlicher Präparand die Oberhausener Gutehoffnungshütte, auf der später der Vater von Will Quadflieg als Betriebsdirektor tätig ist und die wiederum später von Menges als Vorstand leiten wird. Hans Marchwitza und Fritz Selbmann arbeiten beide als Zugewanderte zur selben Zeit unter Tage und sind dort beide als KPD-Mitglied aktiv. Zu dieser Partei stieß auch der Maurer Eduard Claudius, der dann im Züricher Exil wiederum Hans Marchwitza kennen- und schätzen lernte. So schließen sich ungewollt manche Kreise, die insgesamt eingebettet werden in einen Zeitrahmen, der von den 1880er Jahren bis in die unmittelbare Nachkriegszeit der Währungsreform reicht. Geografisch gesehen berühren die prominenten Texte ganz verschiedene Orte des Reviers, wobei die Städte Essen, Oberhausen und Dortmund mehrmals im Fokus stehen.
Das führt am Ende zu der Frage nach der Auswahl. Da sich objektiv kaum entscheiden lässt, wer als prominent anzusehen ist und wer nicht, bleibt die Zusammensetzung der Anthologie in dieser Hinsicht subjektiv. Dennoch wurde mithilfe von entsprechenden Nachschlagewerken und Handbüchern versucht, eine ungefähre Abgrenzung zu entwickeln. Wichtigste Voraussetzung der Teilnahme ist jedoch, dass überhaupt ein autobiografischer und zudem publizierter Text vorliegt, sonst nützt alle Prominenz nichts. Die Texte selbst, die in der großen Mehrheit Ausschnitte darstellen, sind weder thematisch noch chronologisch aufgereiht, sondern orientieren sich an den Lebensdaten der Verfasser, beginnend mit den ältesten der Prominenten.
So bündeln Prominente Porträts in dieser Form erstmals Äußerungen von berühmten Persönlichkeiten, die sich allesamt auf das Ruhrgebiet beziehen. In Briefen, Erinnerungen oder autobiografischen Texten schreiben sie individuell von ihren Erfahrungen und Erlebnissen, die sie in Geschichte und Gegenwart zwischen Rhein und Ruhr gemacht haben. Mit Sicherheit haben andere Regionen mehr schreibende Prominenz aufzuweisen. Umso mehr lohnt der Blick aufs Ruhrgebiet. Die Fortsetzung folgt.

Dirk Hallenberger